Mittwoch, 17. Februar 2010

One step forward and a few steps back

Alle Musikrezensenten ( und wohl auch Musikhörer ) der Welt reiben sich bereits in heller Vorfreude die Hände – schließlich erscheint in ein paar Tagen Joanna Newsoms neues Album "Have One On Me".
Während sich also jetzt also viele Menschen viele schöne Worte zu diesem Album ausdenken geh ich mal ein paar Jahre zurück und höre mir die beiden ersten, in Eigenproduktion entstandenen EPs der Dame an, die das ganze losgetreten haben.

Ein bisschen könnte man das ganze schon als Märchen verkaufen, die Geschichte von dem Mädchen aus den Bergen mit güldenem Haar und roten Wangen, dass da am Fluss saß und auf ihrer Harfe gar bezaubernde Liedchen sang. Anstatt mit ihrem Gesang eine gute Fee anzulocken, lockte sie allerdings einen Waldschrat namens Will Oldham, besser bekannt als Bonnie Prince Billy an, der der holden Maid den Wunsch erfüllte, Konzertsäle in aller Welt zu füllen.
Ganz so lief es dann doch nicht ab, auch wenn man die Musikpresse, die Joanna Newsom nun seit Jahren mit Freuden als Elfe bezeichnet, auch ein bisschen verstehen muss – da sieht dieses Mädchen nun so aus, als wäre sie die Milkmaid mit der Father Lucifer aus Tori Amos gleichnamigen Song mal in love war, spielt noch dazu Harfe und kommt aus den Bergen.

Aber konzentrieren wir uns lieber auf das wesentliche, den eigentlichen Gegenstadt dieses Textes, der, oh Wunder, nicht Joannas Lieblingskreation von Gunne Sax oder ihr neuer roter Lippenstift ist, sondern ihre beiden ersten EPs "Walnut Whales" (2002) und "Yarn and Glue" (2003).

Joanna Newsom kommt, wie allgemein bekannt ist, aus einer sehr musikalischen Familie. Sie selbst sagt, ihre Familie sei eher klassisch veranlagt, was ihre Instrumente angeht – sie hatte ihren Harfenunterricht, aber warum sollte sie auch dazu singen? Das tat ja auch sonst niemand in der Familie. In Kalifornien studierte sie dann kreatives Schreiben, also war es nur eine Frage der Zeit, bis sie anfing, eigene Songs auf der Harfe zu schreiben und eben auch gesanglich zu begleiten. Es war also tatsächlich so, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt, nicht lang vor dem Entstehen der ersten EP, das erste Mal in ihrem Leben gesungen hatte.
Die EPs entstanden nun aus einem ziemlich pragmatischen Zweck, und nicht etwa, weil Miss Newsom plante groß herauszukommen. Um sich ihre Songideen merken zu können, nahm Joanna diese mit einem Fisher Price Tape Recorder (sic!) auf. Der Recorder verursachte auf seine alten Tage hin aber leider des öfteren Kabelsalat also bat Joanna ihren damaligen Freund Noah Georgeson (ebenfalls Musiker) ihre Songs per Computer aufzunehmen, einfach nur, damit sie die Songs nichts vergessen konnte. Gesagt getan, Joanna brannte sich ihre Songs auf CD, druckte schnell ein Cover aus und freute sich (ganz bestimmt).
Als Joanna dann anfing, kleine Auftritte zu spielen, schlug besagter Noah vor, sie könne doch ein paar Kopien dieser CDs zu ziehen, um sie zu verkaufen. Jemand aus ihrem Freundeskreis ergatterte ebenfalls Exemplare dieser CDs und drückte sie Will Oldham, nachdem dieser ein Konzert in der Gegend gespielt hatte, in die Hand. Und der Rest ist Geschichte.

Nun aber genug zur Geschichte um die EPs, 2002 nahm Miss Newsom also "Walnut Whales" auf, nach dieser EP wurde auch ihre erste Internetpräsenz benannt – eine gute Idee, ist zumindest meine persönliche Meinung, denn ich liebe diesen Titel. Er sieht durch Alliteration und gleiche Buchstabenzahl der Wörter schon mal toll aus, er klingt toll und noch dazu versprüht er irgendwie etwas von keltischer Mystik, die ja auch das Harfenspiel manchmal ausstrahlt (Joanna begann ihre Karriere als Harfenspielerin übrigens auch mit keltischer Harfe). Allerdings könnte der Titel genauso gut zu einem Kinderbuch passen. Mir würden sofort mehrere Ideen zu einer Sage oder zu einem Kinderbuch unter diesem Namen einfallen. Vielleicht ist das das schöne an dem Titel – er stimuliert die Phantasie. Übrigens gibt es tatsächlich ein US-Kinder-Bastelbuch, in dem aus Walnussschalen Wale gebastelt werden, das war auch ungefähr so meine Assoziation.
Der Titel "Yarn and Glue" ist nun nicht unbedingt weniger spannend, aber da ja der gleichnamige Song auf dieser EP sein Zuhause findet, macht man sich darüber erst Gedanken, nachdem man den Song kennt.
Das rührendste an diesen EPs ist wohl einfach der Gesang – Joanna Newsom sagte selber, dass sie sich zu dieser Zeit noch unwohl fühlte damit zu singen. Und ihre Stimme klingt tatsächlich so natürlich, wie sie einfach nur klingen kann, wenn jemand noch gar keine Übung im Singen hat. Hier und da hört man ein Kratzen, als wäre dies nun schon der zwölfte Versuch den Song fehlerfrei aufzunehmen und ihre Stimme wäre schon etwas überstrapaziert. Man hört kleine Unsicherheiten, mal stimmt das Timing nicht ganz und Miss Newsom hat mehr Worte als Töne und scheint dann schnell den Saiten der Harfe hinterherrennen zu wollen. Dann kommen die Worte wieder so zögerlich als würde sie sich fragen, was genau sie da eigentlich macht. Aber alles in allem macht gerade das den Charme dieser Aufnahmen aus. Diese Mischung aus Unbekümmertheit und Dissonanzen und dem Versuch, es richtig zu machen und den richtigen Farbton jedes Songs zu treffen. Dies trifft vor allem auf die erste EP zu, auf der zweiten klingt ihre Stimme schon wesentlich kontrollierter aber dadurch auch noch zaghafter.
Die EPs sind im Gegensatz zu dem Orchestersound von Ys und der neusten Liveaufnahmen sehr sparsam instrumentiert. Harfe, Piano und auch mal ein Xylophon reichen ja auch vollkommen aus.
Die meisten Songs dieser EPs kennt der geneigte Hörer ja auch schon vom "Milk-Eyed Mender" Album, auch wenn sie hier in einem etwas anderen Gewand erscheinen – statt mit Cembalo wird "Peach, Plum Pear" hier zum Beispiel mit einem warmen Keyboard-/E-Piano-Sound vorgetragen, und man kann es nicht anders als 'lebendig' nennen, wie Joanna sich durch diesen Song quiekt und quäkt. Bei den letzten Konzerten der Dame wurde der Song übrigens mit Harfe gespielt und bekam ein Orchesterfinale verpasst – eine schier unglaubliche Steigerung des Songs, mein Herz geht aber am meisten auf, wenn sie anstatt des 'I am blue' der Originalversion 'I was blue' singt. Mag vielleicht verrückt klingen, aber darüber freue ich mich ungefähr so, wie über ein schönes Geburtstagsgeschenk.
Ein weiterer bekannter Song, nun mittlerweile auf drei Tonträgern veröffentlicht, findet hier seinen Ursprung –" Clam, Crab, Cockle, Cowrie". Hier klingt der Gesang zur Harfenbegleitung noch etwas holprig, das Timing stimmt oft nicht ganz, aber die vorsichtigen Versuche, den Song schön zu singen und gesanglich schwierigere Parts geschickt zu umgehen ist schon irgendwie erfrischend.
Die weiteren bekannten Songs auf diesen EPs unterscheiden sich nicht großartig von ihrer späteren Milk-Eyed Mender-Version, meist klingen sie auf dem Album einfach ein bisschen ausgereifter, ein bisschen anders instrumentiert und sicherer gesungen.
Schade ist es natürlich, dass man die Entwicklung der Songs, die nur auf diesen EPs festgehalten wurden nicht weiterverfolgen konnte. "Yarn and Glue" hat einen auf sicher mehr als 20 Art und Weisen zu interpretierenden Text, ist für Newsom-Verhältnisse überraschend kurz ( unter zwei Minuten ) und lässt den Hörer bei einem Xylophon aufhorchen. Gerade von diesem Song hätte ich gerne eine Liveaufnahme im Stile ihrer derzeitigen Auftritte.
"Erin" beginnt mit hypnotischem Harfenspiel und wirkt musikalisch ein bisschen wie die kleine Schwester von "Sprout and the Bean" und hätte sich eigentlich wunderbar auf Joannas erstem Album gemacht, wäre aber auch nicht besonders aufgefallen.
Mit seinen knapp über sechs Minuten Länge tastet sich "Flying a Kite" schon eher in die Newsom-Gefilden vor, die man mittlerweile gewohnt ist. Ein schöner Klaviersongs über das Erwachsenwerden, ich vermute einfach mal, dass dieser Song vermutlich aus Joannas jugendlicheren Schaffensphasen stammt, der Text ist charmant naiv, stellenweise ein bisschen kindlich und weist nicht unbedingt die lyrische Dichte auf, die die meisten ihrer Songs besitzen, aber es ist auch mal schön, einen Text gleich auf Anhieb verstehen zu können, zumindest trägt sie ihn überzeugend vor, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon 21 war. Aber wer ist mit 21 schon erwachsen? Der Song plätschert auf seiner Länge leider ein bisschen dahin, könnte man sicher etwas mehr rausholen, gerade heute, aber zu dem Zeitpunkt gab es eben nur Joanna, ihre Harfe, ein Tasteninstrument und einen Computer.
Der letzte der 'verlorenen' Songs heißt "The Fray" und reiht sich brav ein zwischen die anderen Harp-only Songs. Der Song wirkt in sich sehr stimmig und geschlossen, vermutlich wäre er nach "Yarn and Glue" mein zweitliebster Song gewesen, den ich gerne nochmal auf einem Tonträger gefunden hätte.

Und während die Musikpresse nun durchdreht und sich fragt, ob sie die Rezension zum neuen Album lieber mit 'Give me hope, Joanna' oder 'Joanna – du geile Sau' betiteln wollen, lehne ich mich zurück und höre nochmal die EPs, mit denen alles angefangen hat. Und weiß im Grunde genommen, dass diese Frau und ihre Musik auch funktionieren ohne Stimmtraining und ohne Orchester.

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